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Predigt Semestereröffnungsgottesdienst

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Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, Würzburg
Predigt im Universitätsgottesdienst am 17. Oktober 2011 in Eichstätt

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitbrüder,

ein neues Semester beginnt. Erwartungen, Hoffnungen aber auch Ängste dürften sich bei dem einen oder anderen einstellen. Es ist deshalb gut, dass mit einem solchen Eröffnungsgottesdienst die Koordinaten unserer Zukunft aufgestellt werden.

Die katholische Universität in Eichstätt hat es sich zur Aufgabe gemacht, im wissenschaftlichen Austausch mit den naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen auf dem Boden des Christentums im heutigen Umwandlungsprozess eine markante Position einzunehmen. Diese Universität fördert den Dialog von Naturwissenschaften und Theologie ebenso wie den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Dies ist umso wichtiger, als sich die Gesellschaft weltweit in einem Gärungsprozeß befindet, der die uns überkommenen christlichen Wertvorstellungen - zumindest teilweise - in Frage stellt.

Eine mögliche Ursache, diesen Werten - wie sie uns der Dekalog und die Evangelien vorgeben - nicht mehr zuzustimmen, kann die Vorstellung von vermeintlicher Wertefreiheit der Wissenschaft sein. „Man spricht von der Implementierung von Normen als Orientierungsmaßstäben und darüber, dass es sich bei Werten um die Internationalisierung von Vorstellungen über das Wünschenswerte handelt."[1] Was aber ist ‚wertvoll', was ‚wünschenswert'?

Es fehlt nicht an gewichtigen Stimmen, die darauf hinweisen, dass die objektive Begründung des Rechts deshalb so schwierig sei, weil sie auf die in der Gesellschaft subjektiv vorhandenen Wertauffassungen zurückgehe[2]. Das Problem besteht darin, dass sich innerhalb der Gesellschaft Wertvorstellungen nach eigenem Gutdünken bilden und verändern.

Wir können unschwer feststellen, dass sich innerhalb der beiden letzten Generationen die Vorstellung von dem, was ‚Werte' sind, erheblich gewandelt hat. Hieß es in der Herder-Enzyklopädie von 1928/35 im Blick auf die menschliche und sittliche Würde: „Aber alle Werte überragt und durchdringt das Religiöse und Heilige. Endgültiger Maßstab der Wertschätzungen des Menschen ist zuletzt der Wille des Schöpfers.", so versucht man heute ‚Werte' aus der Rationalität und Logik herzuleiten. Der geradezu manchmal an Naivität grenzende Glaube an die Neutralität und den Segen der Wissenschaft wird als der Königsweg angesehen. Wissenschaftliche Vernunft kann aber keine ethischen und sozialen Werte schaffen. „Der Frage der Naturwissenschaften ,was ist der Mensch' stellen die Geisteswissenschaften die Frage gegenüber ‚wer ist der Mensch'."[3] Ethische Werte können nicht allein mit einer vermeintlichen einsichtigen Logik oder einer wissenschaftlichen Rationalität gefunden und begründet werden, wenngleich uns schon durch die Vernunft in der Natur erkennbare Grundlagen vorgegeben sind. Jenseits diktatorischer und auch demokratischer - per Abstimmungen - veränderbarer Rechtsgrundlagen, auf die auch unser Heiliger Vater Papst Benedikt XVI. bei seiner jüngsten Deutschlandreise eindringlich hingewiesen hat, ist hier ein Wertefundament der Verfügbarkeit menschlichen Zugriffs entzogen und damit beständig.

So sehr selbst die Politik auf ethische Grundlagen angewiesen ist, so wenig kann sie diese aus sich hervorbringen. Ethische Grundlagen, sprich der Wertekanon, ist dem Menschen vorgegeben und nicht von ihm selbst gemacht.

Gerade innerhalb der heutigen Entwicklung, die sich aus der Globalisierung und dem technischen Fortschritt, der Individualisierung und dem demographischen Wandel ergibt, sind wir Christen aus unserer Grundhaltung heraus aufgerufen, nicht gegen die anderen, sondern mit den anderen, die gegenwärtigen Risiken zu bewältigen. Diesem Anliegen hat sich auch Ihre Universität verschrieben. Dem dient auch heute ihr Engagement.


Am heutigen Tag gedenken wir des heiligen Bischofs und Märtyrers Ignatius von Antiochien, einem christlichen Zeugen der jungen Kirche.

Der Legende nach war er das Kind, das Jesus beim Streit der Jünger, wer unter ihnen der Größte sei, in die Mitte gestellt habe (Mt 18,1-5). Uns allen dürfte die Mahnung Jesu von Kindesbeinen an geläufig sein: „Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte." (Mt 18,4)

Ignatius könnte Jesus gesehen haben. Vielleicht deutet auch der Beiname Theophorus - Gottesträger, den er sich selbst gegeben hat, darauf hin.

Von seinem Leben wissen wir wenig. Er soll nach dem hl. Petrus und dem hl. Evodius der dritte Bischof von Antiochien in Syrien gewesen sein. Sein Lehrer kann der Apostel Johannes gewesen sein. So wie dieser in der Geheimen Offenbarung sieben Sendschreiben an die asiatischen Gemeinden verfasst hat, die eine zeitübergreifende Bedeutung haben, so hat auch Ignatius auf der qualvollen Reise unter Kaiser Trajan zu seinem Martyrium nach Rom sieben Briefe verfasst, die nicht nur von einer glühenden Christusliebe und der Sorge um die Einheit der Gemeinden unter ihrem Bischof bestimmt sind, sondern großenteils auch die selben Adressaten haben wie bei dem  Apokalypseverfasser Johannes. Bei seinem Aufenthalt in Smyrna schrieb Ignatius an die Gemeinden von Ephesus, Magnesia, Tralles und Rom, in Troas an die Gemeinden von Philadelphia und Smyrna und an den Bischof Polykarp (von Smyrna). Ungeachtet der wissenschaftlichen Forschung zur ignatianischen Echtheit dieser Briefe bleibt festzuhalten, dass sie von einer ergreifenden Christologie, dem ersehnten Martyrium und der Sorge um die kirchliche Einheit bestimmt sind.



So heißt es im Brief an die Gemeinde von Philadelphia: „Seid darauf bedacht, nur  e i n e  Eucharistie zu feiern; denn es gibt nur  e i n e n  Leib unseres Herrn Jesus Christus und nur

e i n e n  Kelch zur Vereinigung mit seinem Blut; es gibt nur einen Altar, wie auch nur einen Bischof mit der Priesterschaft und den Diakonen."


Im Wissen um die Bedrohung der Gemeinden durch grassierende Irrlehren, stellt er die Christologie im Blick auf die Soteriologie zentral heraus. So betont er die Heilsbedeutung Jesu Christi in seiner Gottheit, der Einheit und doch auch Verschiedenheit zum Vater, und in seiner Menschheit. Beim Herausstellen der Heilsbedeutung Jesu Christi für uns verankert Ignatius seine Bereitschaft zum Martyrium.

So bittet er im Brief an die Gemeinde von Rom: „Lasst es geschehen, dass ich den wilden Tieren zum Fraß diene; durch sie wird es mir vergönnt sein, zu Gott zu gelangen. Ich bin ein Weizenkorn Gottes; ich muss von den Zähnen der wilden Tiere zermahlen  werden, um reines Brot Christi zu werden...Feuer, Kreuz, ein Haufen wilder Tiere mögen über mich kommen, nur damit ich zum Herrn Jesus Christus gelange...Gönnt es mir, die Leiden meines Gottes nachzuahmen!"

Der Überlieferung nach ist Ignatius in Rom den wilden Tieren vorgeworfen und zerrissen worden - wahrhaft ein Weizenkorn, das von den Zähnen wilder Tiere zermahlen wurde.   

Während das heutige Tagesevangelium (Joh 12,24-26) im Bild des Weizenkorns auf Jesu Sterben und dessen heilsgeschichtliche Bedeutung verweist, lässt es zugleich den Nachfolgegedanken Ignatius' anklingen. So wie das Weizenkorn sterben muss, um reiche Frucht zu bringen, so deutet auch Jesus sein eigenes Sterben als die Voraussetzung für sein Heilswerk. Ignatius folgt ihm und gibt in der Nachfolge Jesu sein Leben für ihn hin.

In geradezu krasser Form stößt der hl. Paulus uns in der heutigen Lesung aus dem Philipperbrief  (3,17-4,1) auf den Himmel als unsere eigentliche Heimat. Mir scheint, dass eine der Krisen unserer Zeit darin besteht, den Blick vom Himmel weg auf die Erde zu richten. Schon mit dem Beginn der Neuzeit wurde die Blickrichtung auf die zentrale Stellung Gottes im menschlichen Leben abgelöst durch die Fixierung auf die zentrale Stellung des Menschen in der Schöpfung. Heute stehen wir in der Gefahr, nicht mehr die Schöpfung als Werk Gottes zu sehen, sondern losgelöst davon die autonome Stellung des Menschen zu verabsolutieren.

- Ich komme zu den Anfangsgedanken zurück: Papst Benedikt XVI. wird nicht müde, die Vereinbarkeit von Glaube und Vernunft, von Natur und Recht, von Erkenntnis und Verantwortung zu betonen. Seine weit über kirchliche Bereiche hinaus hochgeschätzten Enzykliken wie „Deus est Caritas" und „Caritas et veritate" heben auf das Seinsprinzip Gottes,  die Liebe, ab. 

Was für uns Christen eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber auch in der jungen Kirche von Ignatius angemahnt werden musste, ist die Erkenntnis, den Nächsten ebenso zu lieben wie sich selbst. Er verweist darauf, dass Christus Jesus - obwohl er immer schon Gott war -  dennoch in unsere geschöpfliche Wirklichkeit eintrat, gleichsam also ‚hinabstieg', und  - wie Paulus im Philipperbrief betont - sich entäußerte, wie ein Sklave und den Menschen gleich wurde (vgl. Phil 2,7). Wie müssen wir dann erst recht im Blick auf Jesus Christus, den Gekreuzigten, bereit sein, in Demut den anderen höher einzuschätzen als uns selbst (vgl. Phil 2,3). Die Wertmaßstäbe des Glaubens bauen auf einer anderen, tieferen Sicht von Wirklichkeit auf. Die Liebe Gottes zu uns sollte  der Maßstab unseres Denkens und Handelns werden. So wird dann auch unsere gelebte Liebe der Maßstab unserer Glaubwürdigkeit sein.  

Amen.


[1] Aretz, Jürgen: Die Bedeutung christlicher Werte für die Politik. In: Kirche und Gesellschaft, hg. von der katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach. Verlag J.P. Bachem, Nr. 345, 7.

[2] Vgl. Schockenhoff, Eberhard: Die ethischen Grundlagen des Rechts. In: Kirche und Gesellschaft. S.o., 11.

[3] Bd. 3.


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