Stalin und der Vatikan
 
- zu einem Dokument aus dem Jahr 1944
 
Vorgelegt und kommentiert von Donal O'Sullivan
 
Die vielfach zitierte abschätzige Frage Stalins bei der Konferenz von Jalta, wie viele Divisionen der Papst habe, war nicht zu allen Zeiten typisch für die sowjetische Einstellung zum Oberhaupt der katholischen Kirche. Zwar besaß für die Sowjetführung die Unterdrückung der einheimischen orthodoxen Strukturen Priorität, und im Vatikan sah man in Moskau ein gefährliches Zentrum antikommunistischer Wühlarbeit. Zu Zeiten, in denen die Sowjetmacht sich in der Defensive fühlte oder aus anderen Gründen um die Sympathien des Auslands bedacht war, zeigten sich die Behörden aber bereit, kleinere Zugeständnisse zu machen. Das vorliegende Dokument belegt ein solches Interesse des Kreml an einem Dialog mit Rom. Doch zunächst ist es sinnvoll, einen kurzen Überblick über die gegenseitigen Beziehungen zu geben. Das Verhältnis zwischen dem Zentrum des Katholizismus und dem ersten atheistischen Staat war widersprüchlich und komplex. Mehrere Tendenzen, die bereits für die Beziehungen des vorrevolutionären Rußland zu Rom charakteristisch waren, spielten auch nach dem Oktober 1917 eine beherrschende Rolle: So identifizierten die russischen Machthaber zu allen Zeiten den katholischen Glauben mit polnischen Geistlichen und verbanden damit nationale Ressentiments und die Erinnerung an polnische Eroberungsfeldzüge. Die Zaren zogen es vor, Protestanten in ihre Dienste zu stellen - Engländer, Holländer, Deutsche aus dem Baltikum. Unter der Regentschaft von Sophia, der Schwester von Peter I., wurde die erste katholische Kirche in Moskau gebaut, deren Tätigkeit von offizieller Stelle geduldet wurde. Der Zar-Modernisierer erließ 1705 einen Ukas, der der katholischen Kirche erlaubte, nicht nur Kirchen zu erbauen, sondern auch Schulen zu eröffnen. Überall, wo bedeutendere Gruppen von Ausländern lebten, wurden nun Gotteshäuser errichtet - in Tula, Kazan', Astrachan' und Archangel'sk. Die staatsnahe orthodoxe Kirche sah diese Entwicklung mit großem Mißtrauen. Vor allem die Jesuiten wurden aller möglichen geheimen Umtriebe, beispielsweise zugunsten des Wiener Hofes, verdächtigt. Als namhafte russische Adlige zum Katholizismus übertraten, stieg die Sorge der russischen Kirchenbehörden. Die Jesuiten wurden 1709 aus dem Land verwiesen. Als unter Katharina II. viele katholische Bewohner Polens unter russische Herrschaft kamen, entwickelte sich eine Art "modus vivendi": solange von dort keine Missionierung unternommen werde, werde man den Untertanen die Ausübung ihrer Religion gestatten. Die ebenfalls in den neu erworbenen Territorien ansässigen unierten Gläubigen sah man als verirrte Brüder an, die freiwillig oder unter Druck in den Schoß der Orthodoxie zurückkehren würden. Zar Paul I. stand dem katholischen Glauben positiv gegenüber und war als Großmeister des Malteserordens praktisch der Schutzherr der Katholiken in Rußland.[1] Doch die Hoffnungen römischer Beobachter auf ein Ende des jahrhundertealten Schismas und den "Gewinn Rußlands" für Rom wurden durch die Ermordung des Zaren, der seine Untertanen durch seine "ausländischen Sitten" vor den Kopf gestoßen hatte, beendet. Die Beziehungen zwischen St. Petersburg und Rom in der Zeit vor 1917 waren zumeist gespannt, was mit den polnischen Aufständen in Zusammenhang stand, bei denen aus russischer Sicht die Kurie die Hand im Spiel hatte. Grundsätzlich bestanden aber durch die Ablehnung der französischen Revolution und dem Eintreten für die Monarchie Anknüpfungspunkte für Zar und Papst. 1845 besuchte Zar Nikolaus I. Rom und traf dort mit Papst Gregor XVI. zusammen. Das aus diesem Anlaß unterzeichnete Konkordat wurde 1848 ratifiziert, aber 1866, nach dem erneuten Aufstand in Polen, von Rußland annulliert. 1877 wurden die Beziehungen für eine Weile ganz abgebrochen, bis sie durch Nikolaus II. wieder aufgenommen wurden. Das Mißtrauen blieb - zuständig für die Beziehungen zu den Katholiken war die Abteilung für "ausländische Glaubensbekenntnisse" des Innenministeriums. Nach russischem Recht waren beispielsweise Mischehen nur erlaubt, wenn die Kinder im orthodoxen Geist erzogen wurden. Dennoch war die katholische Kirche in Rußland lebendig. So zählten (wenn auch optimistischen) Schätzungen zufolge die Diözesen in Minsk, ðitomir, Kamenec-Podol'skij und Tiraspol 1,6 Millionen Gläubige, die von etwa 900 Priestern in 680 Gemeinden betreut wurden. Trotz der im Vergleich zur Orthodoxie kleinen Zahl der Gläubigen hielt sich in manchen Kreisen hartnäckig die Hoffnung, Rußland zum römischen Glauben bekehren zu können, wenn die Zeit dafür reif sei.
 
Nach 1917 sah sich die katholische Kirche ebenso wie die orthodoxe einer grausamen Verfolgung seitens der revolutionären Machthaber gegenüber. Als einer der ersten Würdenträger wurde der Erzbischof von Mogilev, Monsignor de Ropp, ein polnischer Staatsbürger, verhaftet. Lenin empfahl zwar ab und zu taktische Rücksichten und forderte, "das religiöse Gefühl der Massen nicht zu verletzen". Doch gleichzeitig sah man in den Geistlichen gleich welcher Konfession gefährliche Gegner. Wegen "konterrevo-lutionärer Tätigkeit" (für Polen) wurde 1923 der Generalvikar Budkiewicz zum Tode verurteilt und hingerichtet. Für den Vatikan war seit 1917 eine Balance zwischen der weltanschaulichen Ablehnung und dem realpolitisch erforderlichen Dialog zugunsten der Gläubigen notwendig. Das Eintreten für die verfolgten Priester und Gläubigen stand neben pragmatischen Erwägungen, die Struktur der Kirche zu erhalten. Wie Hansjakob Stehle detailliert dokumentiert, versuchten die Päpste und ihre Staatssekretäre, diese Zweigleisigkeit trotz aller Schwierigkeiten aufrechtzuerhalten.[2] Auf sowjetischer Seite verstand am ehesten Außenkommissar Čičerin die Nöte des Vatikan, doch kam eine echte Verständigung trotz vieler geheimer Kanäle und Verhandlungen nicht zustande. Geschulte Marxisten verdächtigten wie ihre zarischen Vorgänger in den Amtsstuben vor allem den Jesuitenorden aller möglichen geheimen Umtriebe. Die Entsendung des Jesuitenbischofs Michel d'Herbigny nach Sowjetrußland 1926, wo er als "Privatreisender" insgeheim in der St. Ludwigs-Kirche in Moskau auf der Malaja Lubjanka drei Priester zu Bischöfen weihte, verstärkte die Verdächtigungen der amtlichen Stellen. Denn die GPU konnte die Wege des nicht sonderlich geschickten Emissärs gut nachvollziehen. Die Kirche nahe der sowjetischen Geheimdienstzentrale, die auch später für "geheime" Bischofsweihen genutzt wurde, konnte von den Polizeiorganen jederzeit überwacht werden. Im Mai 1926 feierte d'Herbigny in Moskau einen Gottesdienst, dem auch der ehemalige Reichskanzler Joseph Wirth beiwohnte, der ebenfalls privat in die UdSSR gereist war.
 
Das Religionsdekret der Sowjetbehörden von 1929 verschärfte die Lage der Gemeinden weiter. Im Fall der Beschädigung der Kirche durch Feuer konnte der Ortssowjet darüber bestimmen, ob die Kirche künftig für soziale oder kulturelle Zwecke genutzt werden solle. Dies war ein legaler Vorwand für die Schließung oder Umwidmung von Kirchen. Auch für den Fall, daß sich nicht genügend Personen fänden, die an den Gottesdiensten teilnehmen, drohte einer Gemeinde die Schließung. Jede karitative Tätigkeit wurde untersagt. Ferner wurde es unter Strafe gestellt, "die Volksmassen zum Aberglauben" zu verleiten, eine dehnbare Formulierung, die jeden Geistlichen betreffen konnte. In Prozessionen, auf denen der Papst lächerlich gemacht werden sollte und durch die offizielle "Gottlosenbewegung" erlebte die antireligiöse Propaganda einen neuen Höhepunkt. Als Reaktion rief der Papst zu einem "Kreuzzug des Gebets" gegen Sowjetrußland auf. Die Izvestija schrieben daraufhin, der Papst übernehme die ihm vom Weltkapital zugedachte Rolle als Führer im Kampf gegen die UdSSR. Tatsächlich war die Lage anders. Zwar stand der Vatikan in seiner öffentlichen Anprangerung der UdSSR nicht allein da, doch selbst die Regierung der USA war 1933 bereit, diplomatische Beziehungen zu Moskau aufzunehmen. In einer "Religionsklausel" garantierte die UdSSR lediglich amerikanischen Staatsbürgern die freie Ausübung ihrer Religion. Als Vikar des (noch von d'Herbigny geweihten) Bischofs von St. Ludwig, Neveu, reiste der damals 30jährige Assumptionistenpater Leopold Braun zusammen mit dem ersten US-Botschafter nach Moskau. Im Januar 1935 durfte mit dem Dominikanerpater Michel Florent ein weiterer Priester einreisen und sich für sechs Jahre in Leningrad niederlassen. Einzige Bedingung war, daß Florent nicht auf russisch predigte. Die Einreiseerlaubnis wurde vor dem Hintergrund des französisch-sowjetischen Beistandspaktes vom Mai 1935 getroffen. Vatikan und UdSSR standen sich weiterhin grundsätzlich feindselig gegenüber. In der Enzyklika "Divini redemptoris", die 1937 nur wenige Tage nach der gegen das Hitlerregime gerichteten Enzyklika "Mit brennender Sorge" erlassen wurde, beschuldigte Rom ausdrücklich Moskau des Terrorismus, wie er in den Schauprozessen seinen Ausdruck finde und geißelte das ganze System. Der Papst schrieb: "Der Kommunismus ist durch und durch pervers und mit ihm kann sich auf keinerlei Zusammenarbeit einlassen, wer die christliche Kultur retten will." Katholische Priester und Gläubige wurden in der UdSSR weiterhin verfolgt. Im Zuge des Tuchačevskij-Verfahrens wurde 1937 der katholische Bischof Alexander Frison, der Sohn eines Elsässers war, als deutscher Spion erschossen. 1936 waren noch etwa 50 Priester tätig. Ihre Zahl sank im folgenden Jahr auf zehn (bei elf geöffneten Kirchen). Im Jahr 1939 waren dann nur noch die Kirchen in Moskau und Leningrad zugänglich. Ende 1937 sah man in Rom ein, daß es unklug wäre, zu diesem Zeitpunkt Priester nach Sowjetrußland zu entsenden (die man im eigens dafür gegründeten "Russicum" für diesen Einsatz ausbildete). Nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges und der Bildung der "Großen Allianz" war insbesondere die amerikanische Regierung an einer positiven Haltung des Vatikans zur UdSSR interessiert. Präsident Roosevelt schrieb am 3. September 1941 an Papst Pius XII., er sei davon überzeugt, daß die russische Diktatur weniger gefährlich für die Sicherheit anderer Nationen sei als die deutsche. Auch was das religiöse Leben angehe, sei die russische Form der Diktatur der deutschen vorzuziehen. Da derzeit in Rußland Kirchen geöffnet seien, halte er es für möglich, daß Rußland "als Ergebnis des gegenwärtigen Krieges" die Religionsfreiheit anerkenne, wenn auch ohne Anerkennung eines kirchlichen Einflusses auf Erziehung und Politik. Roosevelts optimistisches Schreiben veranlaßte Monsignore Tardini aus dem vatikanischen Staatssekretariat zu der empörten rhetorischen Frage, ob es sich dabei nicht um Heucheleien, Fiktionen und Lügen handele. Im Vatikan war die tatsächliche Bedrängnis der Gläubigen in Sowjetrußland gut bekannt. Dennoch ließ der Papst den amerikanischen Bischöfen mitteilen, daß die scharf antikommunistische Enzyklika "Divini redemptoris" nicht auf die vorgesehene Militär- und Wirtschaftshilfe (Lend-Lease) für die UdSSR anzuwenden sei - ein Rückgriff auf ältere Traditionen des Pragmatismus und der Vorsicht.
 
Es mehrten sich die Anzeichen für einen größeren Spielraum der Kirchen in der Zeit nach dem deutschen Angriff. Vor allem nach außen war die UdSSR bestrebt, die Bedeutung der Religion und die Freiheiten unter dem sowjetischen Regime darzustellen. Pater Braun schrieb nach Rom, es gebe Anzeichen einer psychologischen Wende, wenn dies auch nur auf Opportunismus zurückzuführen sei. Es würden orthodoxe Kirchen geöffnet, die Zeitschriften des Gottlosenverbandes würden eingestellt. Man solle nun das Eisen schmieden, solange es heiß sei, und über einen modus vivendi zwischen Sowjetstaat und Kirche verhandeln. Doch der Vatikan war dazu nicht bereit. Rom hielt auch Pater Florent, der 1941 zu de Gaulle übergetreten war, davon ab, in die UdSSR zurückzukehren. Dagegen hielt der einstige polnische Botschafter in Moskau, Stanisław Kot, den Zeitpunkt für günstig. Der Vatikan werde von der sowjetischen Führung wegen seiner moralischen Kraft geschätzt, teilte Kot einem vatikanischen Delegaten in Teheran mit. Im Zusammenhang mit der Bildung der polnischen Anders-Armee ließ Moskau tatsächlich die Einreise eines polnischen Feldbischofs (Józef Gawlina) zu und erlaubte auch die Einrichtung von Feldgeistlichen bei der Truppe. Die Evakuierung der Anders-Armee, die Bildung der prosowjetischen Berling-Armee und der Abbruch der sowjetisch-polnischen Beziehungen nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn veränderten die Lage. Trotzdem galt: Wenn die UdSSR das als "Bollwerk des Vatikan" angesehene Polen künftig in irgendeiner Form kontrollieren wollte, mußte eine Lösung gefunden werden. In den USA verfügten die Exilpolen über einen gewissen Einfluß, der von Präsident Roosevelt auch gegenüber den Sowjets hervorgehoben wurde. In diesem Zusammenhang sind die Gespräche Stalins im April/Mai 1944 mit dem bis dahin völlig unbekannten Gemeindepriester Stanisław Orlemański aus Springfield, Massachusetts, und dem polnisch-amerikanischen Gelehrten Oskar Lange zu sehen. Orlemański traf am 28. April mit Stalin und Molotov zusammen, um - laut Pravda - "über die Probleme der Polen und der polnischen Armee in der UdSSR zu sprechen". Nach seinen zwei Gesprächen im Kreml verkündete Orlemański begeistert, Stalin sei ein Freund der römisch-katholischen Kirche. Wahrscheinlich ging die sowjetische Führung davon aus, daß Orlemański im Auftrag der US-Regierung gekommen war, da er mit Zustimmung von Außenminister Cordell Hull über Alaska und Sibirien eingeflogen wurde. Stalin habe ihm erklärt, daß er eine Zusammenarbeit mit dem Papst beim Kampf gegen die Verfolgung der katholischen Kirche für möglich erachte. Stalin betrachte sich als Verteidiger der Gewissensfreiheit, so Orlemański bei einer Pressekonferenz in Detroit. Stehle geht davon aus, daß Stalin den propagandistischen Wert der Begegnung mit dem bedeutungslosen Pfarrer höher eingeschätzt habe als einen echten Dialog mit dem Vatikan.[3] Für einen solchen Dialog hätte er sich an den amerikanischen Pfarrer Braun wenden können. Das kurz danach einberaumte Treffen mit dem (gleichfalls eher einflußlosen) prosowjetischen Professor Lange aus Chicago könnte darauf hinweisen, daß Stalin mit den Ergebnissen des Treffens mit Orlemański unzufrieden war. Es hatte sich herausgestellt, daß Orlemański ohne Wissen seines Bischofs gereist war, und auch Präsident Roosevelt hatte ihn nicht empfangen.[4] Mit diesen überraschenden Begegnungen sollte vor allem das in den USA weit verbreitete antisowjetische Ressentiment aufgebrochen werden, das Präsident Roosevelt schon bei der Bewilligung der Lend-Lease-Hilfe Probleme bereitet hatte. Den moderaten Kreisen sollte demonstriert werden, daß die katholischen Gegner der Sowjetunion im Unrecht seien. Die willigen Instrumente Orlemański und Lange sollten als Propagandisten herhalten, um die Religionsfreiheit in der UdSSR zu bezeugen. Stalin benutzte bewußt Figuren, die leicht zu beeinflussen waren und sich durch den Empfang im Kreml geschmeichelt fühlten.
 
Die im folgenden abgedruckte Aufstellung über den Zustand der katholischen Kirchen vom 4. Mai wurde Stalin von Berija am 6. Mai 1944 zugeleitet, d.h. nach dem Treffen mit Orlemański und vor der Begegnung mit dem Ökonom Lange am 17. Mai 1944. Ironischerweise stellte der NKVD die Liste nur einen Tag nach dem polnischen Nationalfeiertag zusammen, an dem traditionellerweise im US-Kongreß der polnischen Nation gedacht wurde und in diesem Falle auch die sowjetische Expansion kritisiert wurde.[5] Sinn der Tabelle war es offenkundig, einen Überblick über die Situation der katholischen Kirche zu geben, die in den Verhandlungen mit den Alliierten genutzt werden sollte. Die Führung wollte offenbar vom Innenkommissariat einen Überblick über die Entwicklung der katholischen Kirche in der UdSSR erhalten. Dabei beschränkte sich die Anfrage auf die Zahl der Kirchen, ihr Schicksal und ihre gegenwärtige Verwendung. Stalin war nicht an einem Abriß der Beziehungen zwischen Sowjetstaat und Kirche interessiert, sondern forderte nur Zahlenmaterial an. Doch veröffentlicht wurde die Aufstellung niemals, auch die einzelnen Angaben wurden in den Gesprächen mit den westlichen Alliierten nicht genutzt. Grund dafür könnte sein, daß die Unterdrückung der Kirche aus der Statistik zu klar hervorging. Stalin konnte nicht darauf verweisen, daß die meisten Kirchen durch deutsche Bomben zerstört oder mit der Zeit verfallen waren. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die meisten Kirchengebäude wurden als Folge des "Zerfalls" der Gemeinden geschlossen - ein Euphemismus für die Verfolgung der Gläubigen, die beispielsweise ihren Ausdruck in den zielgerichteten Kampagnen gegen polnischstämmige Sowjetbürger 1937/38 fanden. Die örtlichen Sowjetorgane hatten allein 20 Kirchen geschlossen, um sie als Lagerräume, Wohnungen oder Konzerthallen zu nutzen. Die Zahlen des NKVD geben keinen Hinweis für die These, die orthodoxe Kirche habe von der Verfolgung der Katholiken profitiert. Nur eine einzige Kirche wurde der Orthodoxie übergeben, die genauso eine Zielscheibe des sowjetischen Terrors war. Die vom NKVD selbst angefertigte Gegenüberstellung des jetzigen Zustands mit den Zahlen von 1914 ergeben ebenfalls ein deutliches Bild: Waren damals noch über 210 katholische Kirchen registriert, so waren es 1941 nur noch zwei, von denen nur eine über einen Priester verfügte. Mit einem solchen Vergleich ließ sich schlecht im Ausland für die religiöse Freiheit in der UdSSR werben. Das könnte der Grund dafür sein, warum die sowjetische Führung es bei ihren Beteuerungen zur Glaubensfreiheit bei allgemeinen Aussagen beließ und keine genauen Angaben machte. Sie hatte daher auch ein erhebliches Interesse, diesen Zustand vor der Welt zu verheimlichen.
 

 

Kopie
 
Streng geheim
 
Aufstellung
 
über den Zustand der römisch-katholischen Kirchen auf dem Territorium der UdSSR
 
Nach Angaben zum 4. Mai 1944
 
1. Gegenwärtig sind auf dem Territorium der UdSSR 2 Kirchen aktiv.
 
a) In der Stadt Moskau, auf der Kleinen Lubjanka-Straße. Vorgesehen für das diplomatische Korps. Priester ist BRAUN Leopold, amerikanischer Staatsbürger.
 
b) In der Stadt Leningrad, in der Kovenskij-Gasse. Genutzt von der Gemeinde der Gläubigen für Gebetsversammlungen. Priester ist der französische Staatsbürger FLORAN [Florent], der sich 1941 zum Anhänger de Gaulles erklärt hat und in den Nahen Osten ausgereist ist.
 
2. Nach Angaben von 39 Republiks- und Bezirksorganen des NKGB existierten in der Periode von 1917 bis 1939 67 Kirchen, die aus verschiedenen Gründen geschlossen wurden.
 
Von ihnen:
 
in der Periode 1917-1920: 1
 
in der Periode 1920-1925: 7
 
in der Periode 1925-1930: 24
 
in der Periode 1930-1935: 17
 
in der Periode 1935-1940: 15
 
in der Periode 1940-1942: 3
 
3. Die Gründe für die Schließung der Kirchen waren:
 
a) in Zusammenhang mit dem Zerfall der religiösen Gemeinden: 39
 
b) auf Beschluß der örtlichen Sowjetorgane: 20
 
c) auf Beschluß zentraler Organe: 2
 
d) aufgrund von Baufälligkeit und in Zusammenhang mit der
 
Zerstörung des Gebäudes 6
 
4. Der Zustand der Kirchengebäude ist durch folgende Angaben charakterisiert:
 
a) wegen Baufälligkeit abgerissen 4
 
b) durch Bombardierung zerstört 16
 
c) Gebäude erhalten, leerstehend 3
 
d) durch Betriebe und Lager belegt 23
 
e) durch kulturelle Einrichtungen belegt 14
 
f) durch Wohnungen und Wohnheime belegt 6
 
g) durch die orthodoxe Kirche belegt 1
 
5. Die erwähnten Angaben erfassen nicht die vom Gegner besetzten Territorien der USSR [Ukraine] und der BSSR [Weißrußland], und auch nicht die Gebiete der Republiken, die gerade erst von den Deutschen befreit wurden, weil in diesen Territorien die Ermittlung der Angaben aufgrund der fehlenden Kommunikation nicht möglich war.
 
6. Nach dem Handbuch des Zentralen Statistischen Komitees des Ministeriums für Innere Angelegenheiten (Ausgabe von 1914) gab es auf dem Territorium Rußlands 210 römisch-katholische Kirchen.
 
Von ihnen waren
 
auf dem Territorium der RSFSR 91
 
auf dem Territorium der USSR 62
 
auf dem Territorium der BSSR 39
 
auf dem Territorium anderer Republiken 18
 
Anhang: Aufstellung zum Zustand der Kirchen nach den Städten der UdSSR.
 
4. Mai 1944. Chef der 2. Verwaltung des NKGB der UdSSR - Fedotov
 
Quelle: Volkogonov papers, reel 13. f. 8402, op.2, d. 265, l. 2. Berija an Stalin, 6.5.1944.

[1] Mourin, Maxime: Le Vatican et l'URSS. Paris 1965, 19.
 
[2] Stehle, Hansjakob: Die Ostpolitik des Vatikans. Geheimdiplomatie der Päpste von 1917 bis heute. Bergisch Gladbach 1983 und ders.: Geheimdiplomatie im Vatikan. Die Päpste und die Kommunisten. Zürich 1993.
 
[3] Stehle (1993), S. 219-220.
 
[4] Mastny, Vojtech: Russia's Road to the Cold War. New York, 1979, 173f.
 
[5] Ciechanowski, Jan: Defeat in Victory. New York 1947, 285.